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Libration Daniel de Roulet ist es gelungen, das fluoreszierende Bewusstsein seiner Figur mit seismographischer Przision zu inszenieren, wobei er in seinem packenden, spannungsgeladenen Drama Ost und West, Gegenwat und Vergangenheit, konkrete, sinnliche und seelisch-geistige Wirklichkeit zu einem komplexen Gebilde verdichtet, das die vielschichtigen Persnlichkeitsstrukturen des Helden mit grosser Plastizitt sichtbar werden lsst. Der Bund In Wirklichkeit ist Die blaue Linie ein das Wort drngt sich auf ganz leichtfssiges und spannendes, einfallsreiches Buch. Es greift mitten hinein in die Geschichte der Schweiz und in die konfliktreiche Befindlichkeit einer Generation, aber ihm fehlt die Schwere der historischen Demonstration. De Roulet hat sich bei den Postmodernen die Ironie ausgeliehen, die er auf seinen Heden ebenso wie auf sein eigenes Schreiben anwendet und, ein ziemlich paradoxes Verfahren, mit einer eminent politischen Thematik verknpft. Es klingt angesichts dieses knappen und so spielerisch leichten Romans masslos, aber Die blaue Linie hinterlsst den Eindruck eines ungewhnlich zeitgemssen und zeitbezogenen, fast epochalen Werks. Tages-Anzeiger Daniel de Roulet kommt das Verdienst zu, auf sehr eigenstndige Weise die Biographie der inzwischen von der Kritik eingeholten 68er Generation um ein gekonntes Stck Prosa weitergeschrieben zu haben. Der Schweizer Buchhandel Rezensionen Max luft nicht mehr gegen die Lobby. Er luft gegen sich selbst. Was ist aus den linken Aktivisten der siebziger Jahre geworden? Der AKW-Gegner und frhere Liedermacher Aernschd Born ber ein Buch und eine Generation. Mitte der siebziger Jahre besetzten Atomkraftwerk-Gegner whrend Wochen das Gelnde fr das geplante AKW Kaiseraugst - mit Erfolg. Das umstrittene Kraftwerk wurde nicht gebaut. 1979 sprengten unbekannte Tter den Informationspavillon auf dem Gelnde. Um diese Tat geht es im Roman Die blaue Linie des Genfer Autors Daniel de Roulet, der jetzt auf deutsch erschienen ist. De Roulets Held Max luft den New York Marathon. Whrend des Laufens erinnert er sich an jene Nacht, als er den Pavillon sprengte. Fr FACTS schreibt Aernschd Born, damals als Liedermacher und Aktivist eine der Symbolfiguren der Anti-AKW-Bewegung, ber den Roman und dessen Hintergrnde, wie er sie erlebt hat. Max luft den New York Marathon. 26 Meilen. Mit fnfzig Jahren. Max luft den New York Marathon entlang der blauen Linie in vier Stunden. Max ist Schweizer und Architekt in New York. Er hat seinen ersten Marathon vorbildlich geplant. Nun lsst er uns an seiner Ausfhrung teilnehmen. Meile fr Meile. Pro Meile ein Kapitel. Max beschreibt die Huser entlang der blauen Linie. Er beschreibt die Menschen am Strassenrand, und er erinnert sich an einen frheren Lauf ber dieselbe Distanz. Dieser begann in Kaiseraugst, fhrte ber die Hhen des Juras und endete in Olten. Vor vielen Jahren. Nachts. Whrend Max im Buch den Marathon von der ersten bis zur letzten Meile protokolliert, schildert er die Strecke nach Olten von hinten nach vorn. Er beginnt mit dem Ende seiner Flucht und steht am Schluss des Buches am Ausgangspunkt. In Kaiseraugst. Auf dem AKW-Gelnde, das nie zum AKW-Gelnde geworden war, weil wir vier Jahre zuvor den Platz besetzt und den Bau des Atomwahnsinns verhindert hatten. Die Bauherrschaft hatte danach provokativ ihren Informationspavillon hingeklotzt. Wir nannten ihn liebevoll den Lgenbunker. Am Schluss des letzten Kapitels beschreibt Max, wie er dort im ersten Stock die Zndschnur zum Sprengstoff legt. Er beschreibt den Knall und seine Flucht nach Olten. Max wurde nie gefasst. Er luft den New York Marathon und erinnert sich an seine Flucht der frhen Jahre. * Ich kenne Max. Max ist kein Einzelfall. Max gehrt zu meiner Generation, trotz der paar Jahre, die er lter ist als ich. Das Buch handelt von Max. Von meiner Generation. Von mir. Max als Vertreter unserer Generation erzhlt von sich und seiner Sicht der Dinge. Gespannt folge ich seinem doppelten Weg. Dem Tageslauf zum Ziel hin. Dem Nachtmarsch vom Ziel weg. Bestechender Ansatz. Das Buch weckt Fragen. Fragen zu den Jahren zwischen Nachtmarsch und Tageslauf. Fragen nach den Antworten, die zur Explosion fhrten. Fragen, die auf unserem gemeinsamen Weg liegengeblieben sind. Max luft die Strecke noch einmal ab. * Wir hatten uns aufgemacht, irgendwann Mitte der sechziger Jahre. Ich hatte an der Antikriegs-Bewegung geschnuppert, war als Nachmittagshippie herumgegammelt, hatte mir von einem Arbeitskollegen, der sich inzwischen umgebracht hat, den Blues beibringen lassen, hatte auf die freie Liebe gehofft, mit den Hungernden gelitten und mich Autoritten verweigert. Die Beatles traten in mein Leben und knallten Farbe rein. Ich war Lehrling und sah Max zum erstenmal auf dem Barfsserplatz. Sptnachmittags, Basel Innenstadt. Er sass gemeinsam mit anderen Maxen und Mxinnen auf den Schienen. Inmitten staunender Passagiere, Passanten, Polizisten. Gratistram fr alle! Gefiel mir. Ich selber hatte ihre Forderung bereits umgesetzt. Privat, fr mich. Schwarzfahren. Monate spter sass Max mir gegenber und klrte mich auf. ber die Scheisskapitalisten. Die Aasgeierlobby. Die Fights for Your Rights. Kampf um die Macht. Che. Brigate Rosse. Longo Mai. Ich hrte zu. Ging zurck zu meinen Barfsser-Hippies und sang den Blues. Liebeslieder. Klagelieder. Worber soll ich sonst singen? Schau dich um, schrie Max mich an. Ich war ein wandelndes Fragezeichen. Wie kam der Max zu seinem Wissen? Er kennt seinen Weg, bevor er ihn gegangen, kannte sein Ziel, bevor er angekommen war. Ich war fasziniert. * Heute. Max ist Architekt und baut Flughafengebude auf allen Kontinenten. Ich arbeite in einer internationalen Multimedia-Firma und entwickle interaktive Lernprogramme. Die Lobby hat uns angestellt. Eingestellt. Aber uns stellt dies nicht ab. Im Gegenteil. Wir arbeiten viel. Mit Einsatz. Gerne. Zum Wohle der Gesellschaft, der Anonymen. Sind wir zu denen geworden, die wir frher bekmpft und verachtet haben? Haben wir resigniert? Aufgegeben? Unsere Ziele verraten? Hat uns die Gesellschaft kleingekriegt? Korrumpiert? Wir bewegen uns in dieser Gesellschaft, als wre sie auf uns zugeschnitten. Wir fhlen uns gut. Stark. Kompetent. Wir spielen mit. Akzeptanz der Spielregeln. Mglichkeiten, Punkte zu sammeln. Chancen auf kleine Siege. An solch erfolgreichen Tagen hat Max dann kein Hochsicherheitsgefngnis gebaut und kein Heim entworfen, um Alte darin sterben zu lassen. Auch ich versuche zu punkten. Jage Satiren in den ther. Pumpe Herzblut in die Gewerkschaftsschule. Mache mir in neuen Songs einen Reim aufs Display. Keine Big Points. Sie hauen auch keinen gross vom Stuhl. Sie sind nicht aktuell, Herr Born, so die Absage eines schweizerischen Magazins diese Woche. Ganz anders das Business. Dort wird der Born geschtzt und gehetzt - nicht weil er sich verbiegt oder sich zensuriert, sondern gerade weil er seine Widersprchlichkeit und seine Neugierde unverblmt zu Markte trgt. Max und Aernschd haben heute im Geschftsleben den hheren Marktwert als in Kultur und Politik. Ganz im Gegensatz zu damals, als uns die Lobby wie Feinde behandelte - was wir auch zu sein versuchten. Wo ist es liegengeblieben, das Selbstverstndnis jener Zeit? Wo ist es abhanden gekommen? Wo hat unser bisschen Che die Kurve gekratzt und unser kleiner Biedermann die Kurve gekriegt? * Max stellt keine Fragen. Max luft die blaue Linie ab. Kurve fr Kurve. Linientreu. Vorbereitet. Fit. Er kennt seine Geschwindigkeit. Er kennt seine Belastbarkeit. Er weiss sogar, dass ihn nach zwanzig Meilen die innere psychologische Mauer erwartet und dass er sie berwindet. Max luft Marathon. Metapher fr Leben. Leben ist planbar. Wie die Flucht von Kaiser-augst nach Olten. Max war auch diesen Weg auf der 1:50 000er Karte mehrmals minuzis durchgegangen. Und siehe da: Sogar die Natur verhielt sich nach Plan. Na, wer sagt's denn! Karte. Blaue Linie. Max spult Programm ab. Max zieht es durch. Max mags Maximum. Was soll's? So ist er halt, der Max. Max rgert mich. Max rgert mich nicht nur im Buch, sondern weil er auch im Leben alles wie immer querbeet an sich vorberziehen lsst. Er zappt sich durch seine Umwelt. Er ist erregt durch alles, was ihm nicht passiert ist. Immer wieder wird er auf seiner Flucht nicht entdeckt. Immer wieder spricht er whrend des Marathons nicht mit Menschen. Er bndelt nicht mit einer attraktiven Schnheit an und weicht nur einmal kurz von der blauen Linie ab, um die Hand eines Mdchens zu berhren, das aber von ihrem Vater sogleich weggezogen wird. Max trifft nicht nur nicht auf seine frhere Freundin, die sich whrend des Laufs berraschend in seinen Kopfhrer einschaltet. Max bewundert auch ihr kommunikatives Prinzip: Wenn dein Telefon nicht klingelt, dann bin ich es. Das Buch kennt durchaus witzige Stze. Erzhlerische Stellen. Es ist ber weite Teile unterhaltsam geschrieben. Es zehrt von seinem bestechenden Ansatz. Aber Max ist Max. Er stellt sich selber nicht in Frage. Er stellt berhaupt nichts in Frage. Max beschert uns die sthetik eines Dia-Nachmittags mit Tantenkommentar. Sein Fluchtbericht erreicht die Qualitt eines Veteranentreffens der Aktivdienstgeneration. Ich lese einen etwas lang geratenen Sportbericht. Keine Analyse. Keine Kritik. Keine Fragen. Geschweige denn Antworten. Max, mit Verlaub, das ist mir zu wenig. Wo ist Dein Zorn auf die Zustnde geblieben? Wo Deine Sehnsucht nach besseren Zeiten? Warum schreibst Du nichts ber die Jahre zwischen Deiner Flucht und dem Marathon? Da liegen doch Welten dazwischen, Niederlagen, abgebrochene Brcken. Wo ist Dein Herzblut? Wo bleibt Dein Spass an der Sache? Du hast keine Freundin. Hast keine Kinder. Machst Dich zwischen den Zeilen lcherlich ber diesen kleinbrgerlichen Kleinkram. Dir fehlen Humor und Zrtlichkeit. Dir fehlt Musik. John Lennon erwhnst Du bloss im Zusammenhang mit seinem Tod. Weil Du an seiner Strasse vorbeirennst. Du rennst vorbei und davon. Planst Huser, in denen Du nicht wohnst. Die Menschen stehen am Strassenrand und applaudieren. Liebst Du nur den Applaus oder auch die Applaudierenden? War Kaiseraugst bloss eine Kurve Deiner blauen Linie? * Kaiseraugst. Ich bin kein Nostalgiker. Schwelge nicht in vergangenen Taten und Tagen. Doch viele meiner Wurzeln haften in dieser Besetzung. Die zehn Wochen haben mich geprgt. Da war kein Guru. Kein Anmeldeformular. Kein Plan. Statt dessen gab's heissen Tee, heftige Auseinandersetzungen, lange Lieder. Wrme im eisigen April. Unsere Geschichte war nicht im voraus festgeschrieben. Wir befanden uns weder an einem Selbsterfahrungsseminar noch an einem Team-Strategie-Umwelt-Workshop. Wir schrieben Geschichte. Aufgekratzt kratzten wir am Lack der glnzenden Schweiz. Blaue Linien. Mir schenken sie die Mglichkeit, abzuweichen. Ich weiche gerne ab. Mache Umwege. Gute. Schlechte. Unntige. Verliere Zeit und gewinne Leben. Von Kaiseraugst nach Multimedia fhrt keine blaue Linie. Nur Umwege. Ich machte als Liedermacher Rockperformance. Als Performer Radiowerbung. Als Werber Hrspiele fr Kinder und so weiter. Ich verlor mehr Geld, als ich je hatte. Verlor Freunde. Verlor die blauen Linien aus den Augen. Verlorene Trume. Gewonnene Tage. Ich wurde zum Mann meiner Freundin. Zum Vater unserer beiden Tchter. Wurde sesshaft. Ich lernte meine Strken kennen und weiss inzwischen, wie gut ich stolpern kann. Ich habe mehr versprochen als gehalten. Mehr enttuscht als beglckt. Versuche nun, dieses Verhltnis zu verbessern, versuche, ein aufgekratzter Freund und Vater und Kollege zu sein. Habe noch immer mehr Fragen als Antworten. Und immer noch Mumm. Wunderfitz. Lust am Verschieben von Selbstverstndlichkeiten. Stecke mittendrin. Zu Hause. Im Betrieb. In der Stadt, zum Beispiel mit BastA!, Basels starker Alternative, einer neuen politischen Gruppe mit einem neuen Stil. Hier finde ich alte Bekannte, die noch immer erregt sind durch alles, was uns passiert. Ich treffe auf Gruppen und Zirkel und einzelne Menschen, die aufgekratzt den Lack abkratzen. Zu Hause, im Betrieb, sogar in der Verwaltung. Aufgestellte Nimmermde. In ihren Augenwinkeln der Schalk von Kaiseraugst. Zugegeben, viel ist das nicht, angesichts der Facts, die wir damals verndern wollten. Angesichts der Probleme, die schneller anwachsen, als wir sie abtragen knnen. Viel ist es nicht. Aber es ist mehr als nichts. Immerhin. Max jedoch verliert darber kein Wort in seinem Sportbericht. Er bleibt unpolitisch. Unkultrlich. Unprivat. Max luft nicht mehr gegen die Lobby. Er luft gegen sich selbst. Immerhin. Ich mag Sportreports. Auch ich bin manchmal gern erregt durch alles, was mir nicht passiert. Ernst Aernschd Born, 46, war lange Jahre ein bekannter linker Liedermacher, Politaktivist und Anti-AKW-Kmpfer. Er war bei der Besetzung des Baugelndes fr das Atomkraftwerk Kaiseraugst aktiv dabei und der Haussnger der Besetzer. Spter stieg er von der akustischen Gitarre auf elektronische Instrumente um und tourte mit seiner Strfall Band durchs Land. Heute lebt er mit seiner Frau Inge und zwei kleinen Tchtern in Basel und arbeitet bei in einer internationalen Multimedia-Firma. _`abcdefghijklmnopqrst4  FE iVU/\!SH#_x,- -- :` _ $` _D $` _x $`z 3< *) 3DH,@?G{@ X _]@?{| D$` _` LU \bTTo}@?{$ $` 30~ $` 3 _ \bT@?G  \W y \bT~@?{  \Yh$` _p $` 34 { \bTz@?Gg  \[ \bT@?{  \\$` _4 $` _<  \bT@?G'@  \^6 \bT@?{.  \_x _( 3 z _ 3 _d 3 _l 3 3۴ttttttttt/+<+NM]?<?<+???].+}99+99999<<<<++10q]32